| Ein grauer Apriltag geht
seinem dunklen Ende entgegen, der Weg an diesem Abend führt nach
Peenemünde - Geschichte, Grausamkeit, Genialität - ein Angst
machendes Sammelsurium menschlicher Taten. Gespenstisch droht der
Kraftwerksriese, fiese Typen in Uniform weisen kommentarlos mit
finsterer Miene den Weg zum Spektakel. An einem unwirtlicheren Ort
kann man Theater wohl kaum spielen. Um so stärker und deutlicher
die Eindrücke einer ganz anderen Kunst. Stefan Hahn, Choreograf und
Tänzer, hat es zum zweiten Mal mit seinem jungen Ensemble
geschafft, den Geist und Ungeist der Heeresversuchsanstalt
Peenemünde im Kraftwerk zu beschwören. Sprechtheater, Tanz,
Ballet, schrille, manchmal schmerzende Musik, Licht und Schatten,
eindrucksvolles Filmmaterial - eine Kulisse, die schaudern lässt...
das Tanztheater Kraftwerk.
Ein Abend, der den Theaterzuschauer
durch die Geschichte und das Kraftwerk wandern lässt. Zunächst
Sprechtheater zur "Judenfrage" - erschreckender,
aufrüttelnder Blick in das jetzt. Filmmaterial huscht über die
Leinwand. Danach ein Tango, das Tanzpaar kaum auszumachen im grellen
blendenden Scheinwerferlicht. Eine einladende Geste des Choreografen
fordert die Zuschauer auf, durch das neu eröffnete Museum zu
staunen. Schrille, die Schmerzgrenze erreichende Musik, zwei Kinder
auf den kläglichen, rostigen Resten einer Vergeltungswaffe,
bewegungslose Menschen in Schutzanzügen auf den im diffusem Licht
gespenstig erscheinen den Gängen. Dann die Kraftwerkshalle,
metallische Musik, eisige Kälte, Scheinwerfer, Dampf, überall
Tänzer, staunende, nachdenkliche, fröstelnde Zuschauer. Später,
in einer zweiten Halle... Monologe, Tänze, provozierende
Schauspielermienen, nachdenklich Stimmendes auf der Leinwand. Alles
zielt perfekt darauf ab, menschliche Genialität in der Person
Wernher von Brauns der niederträchtigen, brutalen Gewalt eines
menschenverachtenden Systems gegenüberzustellen und den Zuschauer,
Zuhörer und Mitfühler in genau diesen Konflikt zu manövrieren.
Angesichts der Kälte und Mächtigkeit der Eindrücke macht sich
eine gewisse Hoffnungslosigkeit breit - nicht von Dauer, aber es
bleibt Aufgerütteltsein, auch als das Areal verlassen wird und
Dunkelheit, Wind, Kälte und peitschender Regen wie bestellt die
Inszenierung zum Unglaublichen, Irrealen werden lässt. Erst die
Autofahrt weg von diesem Ort bringt wieder Realität und lässt uns
hoffen, daß Choreograph und Ensemble die unwirtliche Spielstätte
im nächsten Jahr erneut sprechen lassen....  |